ibooksonline

Prolog 

»Drachen«, sagte Mollander. Er hob einen schrumpligen Apfel vom Boden auf und warf ihn von einer Hand in die andere. 

»Mach schon«, verlangte Alleras die Sphinx. Er zog einen Pfeil aus dem Köcher und legte ihn auf die Sehne. 

»Einen Drachen würde ich auch gern mal sehen.« Roone war der Jüngste unter ihnen, ein vierschrötiger Junge, dem zwei Jahre fehlten, bis man ihn einen Mann nennen durfte. »Sehr gern.« 

Und ich würde gern in Roseys Armen schlafen, dachte Pate. Er rutschte unruhig auf der Bank hin und her. Morgen schon könnte das Mädchen ihm gehören. Ich gehe mit ihr fort aus Oldtown, über die Meerenge, in eine der Freien Städte. Dort gab es keine Maester, niemanden, der ihm Vorhaltungen machen könnte. 

Durch die Fensterläden über ihm hörte er Emmas Lachen, das sich mit der tiefen Stimme des Mannes mischte, dem sie gerade zu Diensten war. Sie war die älteste Schankmagd im Federkiel und Fässchen, mindestens vierzig, ein wenig korpulent, aber noch immer hübsch. Rosey war ihre Tochter, fünfzehn und unlängst erblüht. Roseys Jungfräulichkeit würde einen goldenen Drachen kosten, hatte Emma verkündet. Pate hatte neun Silberhirschen und einen Topf voller Kupfersterne und Pfennige gespart, was ihm jedoch nicht viel weiterhalf. Vermutlich würde er eher einen echten Drachen ausbrüten, als jemals einen goldenen in die Hände bekommen. 

»Für Drachen bist du zu spät geboren, Junge«, meinte Armen der Akolyth zu Roone. Armen trug ein Lederband um den Hals, an dem Glieder aus Zinn, Blei und Kupfer aufgereiht waren, und wie die meisten Akolythen schien er zu glauben, bei Novizen sitze anstelle des Kopfes eine Rübe zwischen den Schultern. »Der Letzte ist während der Herrschaft von König Aegon dem Dritten verendet.« 

»Der letzte Drache in Westeros«, widersprach Mollander. 

»Wirf den Apfel«, verlangte Alleras aufs Neue. Ihre Sphinx war ein schöner junger Mann. Alle Schankmädchen schwärmten für ihn. Sogar Rosey legte ihm manchmal die Hand auf den Arm, wenn sie ihm Wein brachte, und Pate tat dann stets zähneknirschend so, als bemerke er nichts. 

»Der letzte Drache in Westeros war der letzte Drache überhaupt«, beharrte Armen. »Das ist doch allseits bekannt.« 

»Der Apfel«, sagte Alleras. »Es sei denn, du willst ihn essen.« 

»Hier.« Mollander vollführte einen kleinen Hüpfer und zog dabei seinen Klumpfuß hinter sich her, wirbelte herum und schleuderte den Apfel mit einer tief geführten Armbewegung in den Nebel, der über dem Honeywine hing. Ohne diesen Fuß wäre er ein Ritter geworden, wie sein Vater. In den dicken Armen und den breiten Schultern steckte jedenfalls ausreichend Kraft. Schnell und weit flog der Apfel … 

… doch nicht so schnell wie der Pfeil, der hinterher zischte, ein schrittlanger Schaft aus goldenem Holz, der am Ende scharlachrot befiedert war. Pate sah nicht, wie der Pfeil den Apfel traf, hörte es jedoch. Ein leises Plopp hallte über den Fluss zu ihnen herüber, darauf folgte ein Platschen. 

Mollander pfiff. »Du hast ihn glatt entkernt. Süß.« 

Nicht halb so süß wie Rosey. Pate liebte ihre braunen Augen und ihre knospenden Brüste, er mochte die Art, wie sie ihn anlächelte, wann immer sie ihn sah. Auch in ihre Grübchen war er verliebt. Manchmal lief sie beim Servieren barfuß, um das Gras unter den Füßen zu spüren. Das gefiel ihm ebenfalls. Er liebte ihren sauberen Geruch und ihre Haare, die sich hinter den Ohren lockten. Sogar ihre Zehen hatten es ihm angetan. Einmal hatte sie ihm nachts erlaubt, ihr die Füße zu reiben, und er durfte sogar mit den Zehen spielen. Dabei hatte er sich für jede eine lustige Geschichte ausgedacht, damit Rosey nur nicht aufhörte zu kichern. 

Vielleicht wäre es besser, auf dieser Seite der Meerenge zu bleiben. Er könnte mit seinen ersparten Münzen einen Esel kaufen, würde sich mit Rosey beim Reiten abwechseln und durch Westeros wandern. Ebrose glaubte vielleicht, Pate sei des Silbers nicht würdig, aber Pate konnte einen Knochen richten oder einen Fieberkranken zur Ader lassen. Das gemeine Volk würde seine Hilfe schätzen. Wenn er dazu noch lernte, Haare zu schneiden und Bärte zu scheren, könnte er Barbier werden. Das würde mir genügen, sagte er sich, solange ich nur bei Rosey wäre. Rosey war alles auf der Welt, was er sich wünschte. 

Nicht immer war es so gewesen. Früher einmal hatte er davon geträumt, ein Maester auf einer Burg zu werden und für einen großzügigen Lord tätig zu sein, der ihn für seine Weisheit achtete und ihm zum Dank für seine Dienste ein wunderschönes weißes Pferd schenkte. Wie hoch zu Ross hätte er gesessen, wie nobel wäre er dahergeritten und hätte dem gemeinen Volk auf der Straße von oben zugelächelt … 

Eines Abends hatte Pate im Schankraum vom Federkiel und Fässchen nach dem zweiten Krug dieses grässlich starken Apfelweins damit geprahlt, dass er nicht ewig ein Novize bleiben werde. »Gewiss, gewiss«, hatte der Faule Leo gerufen. »Später bist du ein ehemaliger Novize und hütest Schweine.« 

Er trank den letzten Schluck aus seinem Krug. Die Fackeln auf der Terrasse des Federkiel und Fässchen bildeten eine Insel aus Licht in einem Meer aus Nebel. Weiter flussabwärts schwebte das ferne Leuchtfeuer des hohen Turms, des Hightower, in der Feuchtigkeit der Nacht wie ein orangefarbener, dunstverhangener Mond, doch auch dieses Licht hellte Pates Stimmung nicht auf. 

Der Alchimist hätte längst hier sein sollen. Hatte sich der Mann lediglich einen bösen Scherz erlaubt, oder war ihm etwas zugestoßen? Es wäre nicht das erste Mal, dass sich das Schicksal für Pate zum Schlechten wendete. So hatte er sich zunächst glücklich geschätzt, als man ihn auswählte, dem alten Erzmaester Walgrave bei den Raben zu helfen, denn er hätte sich niemals träumen lassen, dass er schon nach so kurzer Zeit dem alten Mann seine Mahlzeiten bringen, seine Gemächer kehren und ihn jeden Morgen anziehen würde. Alle behaupteten, der Greis habe über die Rabenzucht mehr vergessen, als die meisten Maester je an Wissen anhäufen würden, daher war Pate der festen Überzeugung gewesen, er dürfe zumindest auf ein schwarzes Eisenglied hoffen. Doch schließlich stellte sich heraus, dass Walgrave ihm keines verleihen konnte. Der alte Mann hatte seinen Rang als Erzmaester allein aufgrund der Höflichkeit seiner Kollegen behalten. Was für ein großer Maester er einst auch gewesen sein mochte, jetzt verhüllte seine Robe ein ums andere Mal eingenässte Unterwäsche, und vor einem halben Jahr hatte ihn ein Akolyth weinend in der Bibliothek entdeckt, weil er den Rückweg zu seinen Gemächern nicht mehr fand. Maester Gormon saß jetzt unter der eisernen Maske auf Walgraves Platz, genau jener Gormon, der Pate einst des Diebstahls bezichtigt hatte. 

Im Apfelbaum am Wasser begann eine Nachtigall mit ihrem Gesang. Die lieblichen Laute boten eine willkommene Abwechslung zu dem rauen Krakeelen und dem endlosen Krächzen der Raben, um die er sich den ganzen Tag gekümmert hatte. Die weißen Raben kannten seinen Namen und murmelten ihn einander zu, sobald sie den Jungen sahen, »Pate, Pate, Pate«, so lange, bis ihm nur noch nach Schreien zumute war. Die weißen Vögel waren Erzmaester Walgraves ganzer Stolz. Nach seinem Tod wollte er von ihnen gefressen werden, und Pate hegte den leisen Verdacht, dass sie auch durchaus darauf erpicht waren, ihn zu verspeisen. 

Vielleicht lag es an diesem grässlich starken Apfelwein – Pate war eigentlich gar nicht gekommen, um zu trinken, aber Alleras hatte zur Feier seines Kupferglieds eingeladen, und das schlechte Gewissen hatte Pates Durst geweckt – dennoch klang es fast, als trällerte die Nachtigall Gold für Eisen, Gold für Eisen, Gold für Eisen. Das war überaus eigenartig, das Gleiche hatte der Fremde an jenem Abend gesagt, an dem Rosey sie zusammengebracht hatte. »Wer seid Ihr?«, hatte Pate von ihm wissen wollen, und der Mann hatte geantwortet: »Ein Alchimist. Ich kann Eisen in Gold verwandeln.« Und dann hatte er plötzlich diese Münze in der Hand, ließ sie zwischen den Fingern über die Knöchel tanzen, und das Gold glänzte im Schein der Kerzen. Auf einer Seite prangte der dreiköpfige Drache, auf der anderen der Kopf irgendeines toten Königs. Gold für Eisen, erinnerte sich Pate, besser kannst du es gar nicht treffen. Begehrst du sie? Liebst du sie? »Ich bin kein Dieb«, hatte er dem Mann gesagt, der sich als Alchimist ausgab, »ich bin ein Novize der Citadel.« Der Alchimist hatte den Kopf geneigt. »Falls du es dir anders überlegst, ich bin in drei Tagen mit meinem Drachen wieder hier.« 

Die drei Tage waren vergangen. Pate saß wieder im Federkiel und Fässchen, immer noch unsicher, was er war, doch anstelle des Alchimisten hatte er Mollander und Armen und die Sphinx vorgefunden, und in ihrem Schlepptau Roone. Es hätte ihr Misstrauen erregt, wenn er sich nicht zu ihnen gesellt hätte. 

Das Federkiel und Fässchen schloss niemals seine Pforten. Seit sechshundert Jahren stand es auf seiner Insel im Honeywine, und in dieser Zeit hatte es kein einziges Mal zugemacht. Obwohl sich das hohe Holzgebäude nach Süden neigte, so wie Novizen manchmal nach einem Krug zu viel, ging Pate davon aus, dass das Gasthaus hier noch weitere sechshundert Jahre stehen und man Wein und Bier und grässlich starken Apfelwein an Flussleute und Seeleute ausschenken würde, an Schmiede und Sänger, Priester und Prinzen und an die Novizen und Akolythen der Citadel. 

»Oldtown ist nicht die Welt«, verkündete Mollander mit zu lauter Stimme. Er war der Sohn eines Ritters und hätte betrunkener nicht sein können. Seit man ihm die Nachricht vom Tode seines Vaters am Blackwater überbracht hatte, betrank er sich fast jeden Abend. Sogar hier in Oldtown, weit entfernt von den Kämpfen und hinter den sicheren Mauern, hatte der Krieg der Fünf Könige sie erreicht. 

… wobei Erzmaester Benedict darauf beharrte, es habe niemals einen Krieg von fünf Königen gegeben, da Renly Baratheon ermordet worden sei, bevor Balon Greyjoy sich die Krone aufs Haupt gesetzt habe. 

»Mein Vater hat immer gesagt, die Welt ist größer als jede Burg, die ein Lord besitzen kann«, fuhr Mollander fort. »Drachen wären doch das Mindeste, was man in Qarth oder Asshai oder Yi Ti finden sollte. Diese Geschichten der Seefahrer …« 

»… sind Geschichten von Seefahrern«, fiel ihm Armen ins Wort. »Seefahrer, mein lieber Mollander. Geh nur hinunter zum Hafen, und ich wette, dort findest du Seeleute, die dir von Meerjungfrauen erzählen, bei denen sie gelegen haben, oder die dir weismachen wollen, sie hätten ein Jahr im Bauch eines Fisches verbracht.« 

»Woher weißt du denn, dass das nicht stimmt?« Mollander suchte im Gras nach weiteren Äpfeln. »Du müsstest ja selbst im Bauch eines Fisches gewesen sein, um beschwören zu können, dass sie es nicht waren. Ein Seemann und eine Geschichte, ja, darüber könnte man lachen, aber wenn die Ruderer von vier verschiedenen Galeeren die gleiche Geschichte in vier verschiedenen Sprachen erzählen …« 

»Die Geschichten sind nicht gleich«, widersprach Armen. »Drachen in Asshai, Drachen in Qarth, Drachen in Meereen, Drachen der Dothraki, Drachen, die Sklaven befreien … jede Erzählung unterscheidet sich von den anderen.« 

»Nur in den Einzelheiten.« Mollanders Sturheit steigerte sich, wenn er trank, und selbst nüchtern war er ein Dickkopf. »In allen wird von Drachen und einer wunderschönen jungen Königin berichtet.« 

Der einzige Drache, für den sich Pate interessierte, war aus gelbem Gold geprägt. Er fragte sich, was dem Alchimisten zugestoßen war. Am dritten Tag. Er hat gesagt, er würde kommen. 

»Da liegt ein Apfel neben deinem Fuß«, rief Alleras Mollander zu, »und ich habe noch zwei Pfeile im Köcher.« 

»Scheiß auf deinen Köcher.« Mollander hob den Fallapfel auf. »Der ist wurmstichig«, beschwerte er sich, warf ihn jedoch trotzdem. Der Pfeil traf den Apfel, als dieser zu sinken begann, und teilte ihn sauber in zwei Hälften. Eine landete auf dem Dach eines Türmchens, kullerte auf ein niedrigeres Dach, hüpfte herunter und verfehlte Armen nur um einen Fuß. »Wenn du einen Wurm in zwei Stücke schneidest, hast du zwei Würmer«, erklärte der Akolyth ihnen. 

»Na, das müsste bei Äpfeln auch so sein, dann bräuchte nie wieder jemand Hunger leiden«, sagte Alleras und setzte dieses milde Lächeln auf. Die Sphinx lächelte stets, als grinse er im Stillen über einen Scherz. Irgendwie niederträchtig, was gut zu dem spitzen Kinn, dem in der Stirnmitte spitz zulaufenden Haaransatz und dem dichten Wust der kurz geschnittenen, pechschwarzen Locken passte. Alleras würde es zum Maester bringen. Obwohl er erst seit einem Jahr auf der Citadel war, hatte er bereits drei Glieder seiner Maesterkette geschmiedet. Armen hatte zwar mehr, aber er hatte für 

jedes ein Jahr gebraucht. Dennoch würde auch er ein Maester werden. Roone und Mollander blieben Novizen mit rosa Hals, doch Roone war noch sehr jung, und Mollander zog das Trinken dem Lesen vor. 

Pate hingegen … 

Er war bereits seit fünf Jahren in der Citadel, mit dreizehn war er angekommen, und trotzdem war sein Hals so rosa wie am Tag seiner Ankunft aus den Westerlanden. Zweimal hatte er geglaubt, bereit zu sein. Beim ersten Mal war er vor Erzmaester Vaellyn getreten, um ihm sein Wissen über den Himmel darzulegen. Stattdessen hatte er erfahren, wie Weinessig-Vaellyn zu seinem Spitznamen gekommen war. Zwei Jahre brauchte Pate, bis er wieder genug Mut gesammelt hatte, um es erneut zu versuchen. Diesmal wandte er sich an den freundlichen alten Erzmaester Ebrose, der für seine leise Stimme und seine sanften Hände bekannt war, doch hatten sich Ebroses Seufzer als ebenso schmerzhaft erwiesen wie Vaellyns spitze Bemerkungen. 

»Einen Apfel noch«, versprach Alleras, »dann erzähle ich euch, was es meiner Vermutung nach mit diesen Drachen auf sich hat.« 

»Was könntest du darüber wissen, das mir unbekannt ist?«, knurrte Mollander. An einem Ast entdeckte er einen Apfel, sprang hoch, riss ihn ab und warf ihn in die Luft. Alleras zog die Bogensehne bis ans Ohr zurück und drehte sich anmutig, während er sein davonfliegendes Ziel verfolgte. In dem Moment, wo der Apfel zu sinken begann, ließ er den Pfeil los. 

»Dein letzter Schuss geht immer daneben«, sagte Roone. 

Unversehrt platschte der Apfel in den Fluss. 

»Siehst du?«, meinte Roone. 

»Wenn du alle schaffst, kannst du dich nicht mehr verbessern.« Alleras löste die Sehne und schob den Bogen in sein Lederfutteral. Der Bogen war aus Goldherz geschnitzt, einem seltenen und berühmten Holz von den Summer Isles. Pate hatte einmal versucht, es durchzubiegen, doch er hatte es nicht geschafft. Die Sphinx sieht schmächtig aus, aber in diesen dünnen Armen steckt eine Menge Kraft, dachte er, während Alleras ein Bein quer über die Bank legte und nach seinem Weinbecher langte. »Der Drache hat drei Köpfe«, verkündete er in seinem breiten dornischen Dialekt. 

»Soll das ein Rätsel sein?«, wollte Roone wissen. »In den Legenden sprechen Sphinxe immer in Rätseln.« 

»Kein Rätsel.« Alleras nippte an seinem Wein. Die anderen tranken den grässlich starken Apfelwein, für den das Federkiel und Fässchen so bekannt war, aus großen Krügen, doch er bevorzugte den süßen Wein aus dem Land seiner Mutter. Selbst in Oldtown waren solche Weine nicht billig zu haben. 

Der Faule Leo hatte Alleras den Spitznamen »Sphinx« verpasst. Eine Sphinx ist ein wenig von diesem und ein wenig von jenem; sie hat ein menschliches Gesicht, den Körper eines Löwen und die Flügel eines Falken. Das traf auch auf Alleras zu; sein Vater war ein Dornischer, seine schwarzhäutige Mutter stammte von den Summer Isles. Auch seine eigene Haut war so dunkel wie Teakholz. Und wie die grünen Marmorsphinxe, die den Haupteingang der Citadel flankierten, hatte Alleras Augen aus Onyx. 

»Außer auf Schilden und Bannern hat nie ein Drache drei Köpfe gehabt«, hielt Armen der Akolyth dagegen. »Das ist eine Frage der Wappenkunde, mehr nicht. Außerdem sind die Targaryens alle tot.« 

»Nicht alle«, erwiderte Alleras. »Der Bettlerkönig hatte eine Schwester.« 

»Ich dachte, der hat man den Kopf an der Wand eingeschlagen«, wandte Roone ein. 

»Nein«, meinte Alleras. »Das war Prinz Rhaegars kleiner Sohn Aegon, den die Männer des Lannister-Löwen mit dem Kopf gegen die Wand geschmettert haben. Ich spreche von Rhaegars Schwester, die auf Dragonstone geboren wurde, bevor die Festung gefallen ist. Die, die sie Daenerys nennen.« 

»Die Sturmgeborene. Jetzt erinnere ich mich.« Mollander hob seinen Krug und stürzte den letzten Apfelwein hinunter. »Ich trinke auf sie!« Er schluckte, knallte den leeren Krug auf den Tisch, rülpste und wischte sich mit dem Handrücken den Mund. »Wo ist Rosey? Unsere rechtmäßige Königin verdient eine Runde Apfelwein, findet ihr nicht auch?« 

Armen der Akolyth sah erschrocken aus. »Nicht so laut, du Narr. Über solche Dinge sollte man nicht einmal spotten. Man weiß nie, wer gerade zuhört. Die Spinne hat überall ihre Ohren.« 

»Ach, mach dir nicht in die Hose, Armen. Ich habe nur vorgeschlagen, etwas zu trinken, nicht zu einer Rebellion aufgerufen.« 

Pate hörte ein Kichern. Leise und verschlagen rief eine Stimme von hinten: »Ich wusste doch immer, dass du ein Verräter bist, Hüpffrosch.« Der Faule Leo saß am Ende der alten Brücke aus Planken; er war in grünen und goldenen Satin gehüllt, und um die Schultern hing ihm ein schwarzes Seidencape, das vorn mit einer Jaderose verschlossen war. Der Wein, der ihm vorn auf die Kleidung getropft war, musste sehr rot gewesen sein, angesichts der Farbe der Flecken. Eine Locke seines aschblonden Haars fiel ihm über das eine Auge. 

Mollander nahm eine drohende Haltung an. »Ach, verflucht. Geht weg! Euch will hier niemand sehen.« Alleras legte ihm beruhigend die Hand auf den Arm, Armen runzelte die Stirn. »Leo. Mylord. Ich habe gehört, Ihr dürft die Citadel nicht verlassen, wenigstens noch für …« 

»… drei weitere Tage.« Der Faule Leo zuckte mit den Achseln. »Perestan sagt, die Welt ist vierzigtausend Jahre alt. Mollos meint, es seien fünfhunderttausend. Was machen da schon drei Tage aus, frage ich dich?« Obwohl auf der Terrasse ein Dutzend Tische frei waren, setzte sich Leo an ihren. »Spendier mir einen Becher Arborgold, Hüpffrosch, und vielleicht verrate ich dann meinem Vater nichts von deinem Trinkspruch. Im Geschachten Hasard haben sich die Spielsteine gegen mich gewendet, und meinen letzten Hirschen habe ich fürs Essen verschwendet. Ferkel in Pflaumensoße, gefüllt mit Kastanien und weißen Trüffeln. Schließlich muss ein Mann auch essen. Was gab es bei euch?« 

»Hammel«, murmelte Mollander. Er klang nicht besonders begeistert. »Wir haben uns eine gekochte Hammelkeule geteilt.« 

»Gewiss seid ihr satt geworden.« Leo wandte sich an Alleras. »Der Sohn eines Lords sollte freigebig sein, Sphinx. Wie mir zu Ohren kam, hast du dein Kupferglied geschmiedet. Darauf trinke ich.« 

Alleras lächelte ihn an. »Ich lade nur meine Freunde zum Trinken ein. Und ich bin nicht der Sohn eines Lords, das habe ich Euch schon einmal gesagt. Meine Mutter war eine Händlerin.« 

Leos Augen waren braun und glänzten vom Wein und vor Bosheit. »Deine Mutter war ein Affe von den Summer Isles. Die Dornischen vögeln doch alles, was ein Loch zwischen den Beinen hat. Womit ich dich nicht beleidigen will. Du bist zwar braun wie eine Nuss, aber wenigstens badest du. Ganz im Gegensatz zu unserem gefleckten Schweinejungen.« Er deutete auf Pate. 

Wenn ich ihm meinen Krug aufs Maul haue, könnte ich ihm die Hälfte seiner Zahne ausschlagen, dachte Pate. Der Gefleckte Pate, der Schweinejunge, war der Held von tausend zotigen Geschichten, ein gutmütiger Hohlkopf, dem es stets gelang, die fetten Lords, die hochmütigen Ritter und die aufgeblasenen Septone, die ihn plagten, zu übervorteilen. Jedes Mal stellte sich am Ende heraus, dass sich hinter seiner Dummheit eine Art wunderlicher Verschlagenheit verbarg; die Erzählungen schlossen stets damit, dass der Gefleckte Pate auf dem hohen Stuhl eines Lords saß oder bei der Tochter eines Ritters im Bett lag. Aber das waren bloß Geschichten. Im richtigen Leben erging es Schweinejungen niemals so gut. Pate dachte manchmal, seine Mutter müsse ihn gehasst haben, als sie ihm diesen Namen gegeben hatte. 

Alleras lächelte nicht mehr. »Ihr werdet Euch entschuldigen.« 

»Ach, ja?«, entgegnete Leo. »Wie soll das gehen, wo meine Kehle so trocken ist …« 

»Ihr macht Eurem Haus Schande, mit jedem Wort, das Ihr von Euch gebt«, warf ihm Alleras vor. »Ihr macht der Citadel Schande, indem Ihr einer von uns seid.« 

»Ich weiß. Also spendiert mir Wein, damit ich die Schande ertränken kann.« 

Mollander sagte: »Ich würde Euch am liebsten die Zunge an der Wurzel ausreißen.« 

»Tatsächlich? Aber wer würde dir dann von den Drachen erzählen?« Leo zuckte abermals mit den Schultern. »Der Mischling hat Recht. Die Tochter des Irren Königs lebt, und sie hat drei Drachen ausgebrütet.« 

»Drei?«, fragte Roone erstaunt. 

Leo tätschelte seine Hand. »Mehr als zwei und weniger als vier. An deiner Stelle würde ich es noch nicht mit dem goldenen Glied versuchen.« 

»Lasst ihn in Ruhe«, warnte Mollander. 

»Was für ein ritterlicher Hüpffrosch. Wie du möchtest. Jeder Mann auf jedem Schiff im Umkreis von dreihundert Meilen von Qarth redet über diese Drachen. Einige behaupten sogar, sie mit eigenen Augen gesehen zu haben. Der Magier neigt dazu, ihnen Glauben zu schenken.« 

Armen schürzte missbilligend die Lippen. »Marwyn ist nicht vertrauenswürdig. Erzmaester Perestan wäre der Erste, der Euch das bestätigen würde.« 

»Erzmaester Ryam denkt das Gleiche«, warf Roone ein. 

Leo gähnte. »Das Meer ist nass, die Sonne ist warm, und die Menagerie hasst den Mastiff.« 

Er hat für jeden einen Spottnamen, dachte Pate, aber Marwyn sah wirklich eher aus wie ein Mastiff denn wie ein Maester, das konnte er nicht leugnen. Als wolle er dich beißen. Der Magier war nicht wie die anderen Maester. Es hieß, er verkehre mit Huren und Heckenzauberern, unterhielte sich mit behaarten Ibbenesern und pechschwarzen Reisenden von den Summer Isles in ihrer eigenen Sprache und opfere falschen Göttern in dem kleinen Seemannstempel unten bei den Speicherhäusern. Manche behaupteten, ihn in der Unterstadt gesehen zu haben, bei Rattenkämpfen und in schwarzen Bordellen, wo er sich mit Komödianten, Sängern, Söldnern und sogar Bettlern abgebe. Einige flüsterten einander gar zu, er habe einst einen Mann mit bloßen Fäusten getötet. 

Als Marwyn nach Oldtown zurückkehrte, nachdem er acht Jahre im Osten damit verbracht hatte, Karten von fernen Ländern zu zeichnen, nach verlorenen Büchern zu suchen und bei Zauberern und Schattenbindern zu studieren, hatte Weinessig-Vaellyn ihn »Marwyn den Magier« genannt. Der Name hatte sich bald in Oldtown herumgesprochen, sehr zu Vaellyns Verdruss. »Überlass die Zauberei und die Gebete den Priestern und Septonen, und richte deinen Verstand lieber auf die Weisheiten, auf die sich ein Mann verlassen kann«, hatte Erzmaester Ryam Pate einst geraten, aber Ryams Ring und Stab und Maske waren aus gelbem Gold, und seine Maesterkette wies kein Glied aus valyrischem Stahl auf. 

Armen blickte von oben herab den Faulen Leo an. Seine Nase war perfekt dafür geeignet, lang und dünn und spitz. »Erzmaester Marwyn glaubt an viele seltsame Dinge«, sagte er, »aber er hat auch nicht mehr Beweise für Drachen als Mollander. Sind doch alles nur Geschichten von Seeleuten.« 

»Da irrst du dich«, erwiderte Leo. »Im Zimmer des Magiers brennt eine Glaskerze.« 

Auf der fackelerleuchteten Terrasse breitete sich Schweigen aus. Armen seufzte und schüttelte den Kopf. Mollander lachte. Die Sphinx ließ Leo nicht aus den großen schwarzen Augen. Roone sah verwirrt aus. 

Pate hatte von den Glaskerzen gehört, hatte allerdings nie eine brennen gesehen. Die Glaskerzen stellten eines der bestgehüteten Geheimnisse der Citadel dar. Wie es hieß, waren sie aus Valyria nach Oldtown gebracht worden, tausend Jahre vor dem Untergang. Pate hatte gehört, es sollten vier sein; eine war grün, drei waren schwarz, und alle hatten eine hohe, in sich gewundene Form. 

»Wofür sind diese Glaskerzen gut?«, fragte Roone. 

Armen der Akolyth räusperte sich. »In der Nacht bevor ein Akolyth sein Gelübde ablegt, muss er Wache in der Gruft halten. Dabei sind ihm weder Laternen, Fackeln, Lampen oder Wachsstöcke gestattet … nur eine Kerze aus Obsidian. Er muss die Nacht also im Dunkeln verbringen, solange er diese Kerze nicht entzünden kann. Manche versuchen es. Die Dummen und die Sturen, diejenigen, die sich in ihren Studien mit den so genannten höheren Mysterien befasst haben. Oft zerschneiden sie sich die Finger, denn die Kanten der Kerzen sollten scharf wie Klingen sein. Dann müssen sie mit blutigen Händen auf die Dämmerung warten und können sich Gedanken über ihr Versagen machen. Weisere Männer legen sich einfach schlafen oder verbringen die Nacht im Gebet, aber jedes Jahr gibt es einige, die es unbedingt ausprobieren wollen.« 

»Ja.« Pate kannte dieselben Geschichten. »Aber was ist der Nutzen einer Kerze, die kein Licht erzeugt?« 

»Es ist eine Lektion«, erklärte Armen, »die letzte Lektion, die wir lernen müssen, ehe wir unsere Maesterketten anlegen. Die Glaskerze versinnbildlicht Wahrheit und Gelehrsamkeit, seltene und schöne und zerbrechliche Dinge. Dieses Symbol wurde in Form einer Kerze gefertigt, um uns zu mahnen, dass ein Maester überall, wo er dient, Licht spenden muss, und sie ist scharf, um uns an die Gefahren zu erinnern, die mit unserem Wissen verbunden sein können. Weise Männer werden in ihrer Weisheit vielleicht arrogant, ein Maester jedoch muss stets Demut bewahren. Auch daran gemahnt uns die Glaskerze. Selbst nachdem ein Maester sein Gelübde gesprochen und seine Kette angelegt hat und ausgezogen ist, um zu dienen, wird er an die Dunkelheit seiner Nachtwache zurückdenken und sich erinnern, dass er durch nichts, was er getan hat, die Kerze zum Brennen bringen konnte … denn allem Wissen zum Trotz sind manche Dinge unmöglich.« 

Der Faule Leo brach in schallendes Gelächter aus. »Unmöglich für dich, meinst du. Ich habe die Kerze mit eigenen Augen brennen sehen.« 

»Ihr habt irgendeine Kerze brennen sehen, das bezweifle ich nicht«, gab Armen zurück. »Vielleicht eine Kerze aus schwarzem Wachs.« 

»Ich weiß, was ich gesehen habe. Das Licht war eigenartig und hell, viel strahlender, als Bienenwachs oder Talg brennt. Es hat seltsame Schatten geworfen, und die Flamme hat nicht geflackert, auch nicht, als ein Luftzug durch die offene Tür hinter mir wehte.« 

Armen verschränkte die Arme. »Obsidian brennt nicht.« 

»Drachenglas«, warf Pate ein. »Das gemeine Volk nennt es Drachenglas.« Diese Tatsache erschien ihm irgendwie wichtig. 

»Das stimmt«, sagte Alleras die Sphinx nachdenklich, »und falls es tatsächlich wieder Drachen gibt …« 

»Drachen und dunklere Dinge«, meinte Leo. »Die grauen Schafe haben die Augen geschlossen, aber der Mastiff erkennt die Wahrheit. Alte Mächte erwachen. Schatten rühren sich. Ein Zeitalter der Wunder und des Schreckens wird bald anbrechen, ein Zeitalter der Götter und Helden.« Er setzte sein behäbiges Lächeln auf. »Das dürfte eine Runde wert sein, nicht wahr?« 

»Wir haben genug getrunken«, meinte Armen. »Der Morgen dämmert früher, als uns recht ist, und Erzmaester Ebrose wird über die Eigenschaften des Urins sprechen. Wer beabsichtigt, sich ein silbernes Glied zu schmieden, sollte seinen Vortrag besser nicht verpassen.« 

»Natürlich will ich dich nicht davon abhalten, Pisse zu probieren«, sagte Leo. »Ich hingegen bevorzuge Arborgold.« 

»Wenn ich die Wahl zwischen Euch und Pisse habe, trinke ich lieber Pisse.« Mollander stemmte sich vom Tisch hoch. »Komm, Roone.« 

Die Sphinx griff nach dem Futteral mit dem Bogen. »Ich bin auch reif fürs Bett. Bestimmt träume ich von Drachen und Glaskerzen.« 

»Geht ihr alle?« Leo zuckte mit den Schultern. »Na, Rosey wird noch da sein. Vielleicht werde ich unsere Süße wecken und eine Frau aus ihr machen.« 

Alleras bemerkte den Ausdruck auf Pates Gesicht. »Wenn er kein Kupferstück für Wein hat, kann er auch keinen Drachen für das Mädchen ausgeben.« 

»Genau«, stimmte Mollander zu. »Außerdem braucht es einen Mann, um ein Mädchen zur Frau zu machen. Komm mit, Pate. Der alte Walgrave wacht bei Sonnenaufgang auf. Er wird deine Hilfe brauchen, um es auf den Abort zu schaffen.« 

Falls er sich heute an mich erinnert. Erzmaester Walgrave hatte keine Schwierigkeiten damit, seine Raben auseinander zu halten, aber bei Menschen gelang es ihm durchaus nicht immer. An manchen Tagen verwechselte er Pate mit jemandem, der Cressen hieß. »Ach«, sagte Pate zu seinen Freunden. »Ich bleibe noch ein wenig.« Der Morgen graute noch nicht, nicht richtig jedenfalls. Der Alchimist würde vielleicht trotz der späten Stunde kommen, und Pate wollte dann unbedingt zur Stelle sein. 

»Wie du willst«, meinte Armen. Alleras warf Pate einen langen Blick zu, dann schlang er sich den Bogen über die schlanke Schulter und folgte den anderen in Richtung Brücke. Mollander war so betrunken, dass er sich beim Gehen auf Roones Schulter stützen musste. Die Citadel war nicht so weit entfernt, wie Raben fliegen, aber seine Freunde waren schließlich keine Raben, und Oldtown stellte ein hübsches Labyrinth von Stadt dar, mit engen Gassen, verschlungenen Gängen und krummen Straßen. »Vorsicht«, hörte Pate Armen sagen, während die vier von den Flussnebeln verschluckt wurden, »heute Nacht ist es feucht, und das Pflaster wird glatt sein.« 

Nachdem sie gegangen waren, sah der Faule Leo über den Tisch hinweg Pate an. »Wie schade. Die Sphinx hat sich mit ihrem Silber davongestohlen und mich dem Gefleckten Pate, dem Schweinejungen, überlassen.« Er reckte sich und gähnte. »Wie geht es denn deiner lieblichen kleinen Rosey?« 

»Sie schläft«, antwortete Pate knapp. 

»Bestimmt nackt.« Leo grinste. »Meinst du, sie ist wirklich einen Drachen wert? Eines Tages muss ich es mal herausfinden.« 

Pate war klug genug, nicht darauf zu antworten. 

Leo brauchte keine Erwiderung. »Nachdem ich mir das Mädchen vorgenommen habe, wird ihr Preis sicherlich so weit fallen, dass auch Schweinejungen sie sich leisten können. Du solltest mir dankbar sein.« 

Ich sollte dich umbringen, dachte Pate, doch er war nicht annähernd betrunken genug, um sein Leben sinnlos wegzuwerfen. Leo war im Umgang mit Waffen ausgebildet worden, und es war bekannt, dass er Klinge und Dolch des Meuchlers auf tödliche Weise zu führen wusste … und selbst, wenn es Pate gelingen sollte, ihn umzubringen, würde es ihn trotzdem den eigenen Kopf kosten. Leo hatte im Gegensatz zu Pate zwei Namen, und der zweite lautete Tyrell. Ser Moryn Tyrell, der Kommandant der Stadtwache, war Leos Vater. Mace Tyrell, Lord von Highgarden und Wächter des Südens, war Leos Vetter. Und Oldtowns Alter Mann, Lord Leyton vom Hightower, der auch »Protektor der Citadel« zu seinen vielen Titeln zählte, war ein geschworener Gefolgsmann des Hauses Tyrell. Lass ihn, mahnte sich Pate. Er will mich mit seinem Gerede nur kränken. 

Im Osten wurde der Nebel heller. Die Dämmerung, erkannte Pate. Die Dämmerung ist da, der Alchimist nicht. Er wusste nicht, ob er darüber lachen oder weinen sollte. Bin ich auch ein Dieb, wenn ich es alles zurückbringe und niemals jemand davon erfährt? Auch auf diese Frage wusste er keine Antwort, genauso wie auf jene, die Ebrose und Vaellyn ihm einst gestellt hatten. 

Als er von der Bank aufstand, stieg ihm der grässlich starke Apfelwein plötzlich in den Kopf. Er musste sich am Tisch abstützen, damit er nicht umfiel. »Lasst Rosey in Ruhe«, sagte er schon im Gehen begriffen. »Lasst sie einfach in Ruhe, sonst bringe ich Euch womöglich um.« 

Leo Tyrell strich sich das Haar aus den Augen. »Ich trete nicht gegen Schweinejungen an. Hau ab.« 

Pate drehte sich um und überquerte die Terrasse. Seine Absätze dröhnten über die verwitterten Planken der alten Brücke. Als er auf der anderen Seite ankam, färbte sich der Himmel im Osten langsam 

rosa. Die Welt ist groß, sagte er zu sich. Wenn ich diesen Esel kaufe, könnte ich ja über die Straßen und Wege der Sieben Königslande wandern, das gemeine Volk zur Ader lassen und ihm Nissen aus den Haaren suchen. Oder ich könnte auf einem Schiff als Ruderer anheuern und nach Qarth am Jadetor fahren, um mir diese verfluchten Drachen selbst anzuschauen. Ich brauche ja nicht zum alten Walgrave und seinen Raben zurückzukehren. 

Trotzdem trugen ihn seine Füße in Richtung der Citadel. 

Der erste Sonnenstrahl brach durch die Wolken im Osten, und die Morgenglocken der Seemannssepte unten am Hafen begannen zu läuten. Die Septe des Lords gesellte sich kurze Zeit später dazu, dann hörte man auch die Glocken der Sieben Schreine und schließlich die der Sternensepte, die tausend Jahre vor Aegons Landung der Sitz des Hohen Septons gewesen war. Sie machten eine gewaltige Musik. Wenn auch nicht so süß wie das Trillern einer kleinen Nachtigall. 

Neben dem Läuten der Glocken hörte er auch Gesang. Jeden Morgen beim ersten Licht versammelten sich die roten Priester, um die Sonne vor dem bescheidenen Tempel am Kai willkommen zu heißen. Denn die Nacht ist dunkel und voller Schrecken. Pate hatte hundertmal gehört, wie sie diese Worte gerufen und ihren Gott R'hllor angefleht hatten, sie aus der Dunkelheit zu erretten. Für ihn waren die Sieben Götter genug, doch er hatte erfahren, dass Stannis Baratheon inzwischen an den Nachtfeuern betete. Er hatte sogar das flammende Herz von R'hllor anstelle des gekrönten Hirsches auf sein Banner gesetzt. Wenn er den Eisernen Thron erobern sollte, müssen wir alle das Lied der roten Priester lernen, dachte Pate, aber das war nicht sehr wahrscheinlich. Tywin Lannister hatte Stannis und R'hllor am Blackwater vernichtend geschlagen, und bald würde er ihnen ein Ende bereiten und den Kopf des Thronprätendenten Baratheon über dem Tor von King's Landing auf einem Spieß zur Schau stellen. Während sich der Nebel der Nacht auflöste, nahm Oldtown um Pate herum Gestalt an und tauchte geisterhaft aus dem Dämmerlicht auf. Pate war nie in King's Landing gewesen, doch er wusste, dass die Stadt aus Fachwerkhäusern bestand und ein Gewirr aus schlammigen Straßen, Reetdächern und Holzhütten darstellte. Oldtown hingegen hatte man aus Stein erbaut und alle Straßen gepflastert, selbst noch die armseligste Gasse. Nie wirkte die Stadt 

schöner als bei Tagesanbruch. Westlich des Honeywines säumten die Gildenhäuser das Ufer wie eine Reihe Paläste. Weiter flussaufwärts erhoben sich zu beiden Seiten des Stroms die Kuppeln und Türme der Citadel, zwischen denen mit Hallen und Häusern bebaute Brücken das Wasser überspannten. Flussabwärts, unterhalb der schwarzen Marmormauern und Bogenfenster der Sternensepte, drängten sich die Häuser der Frommen wie Kinder um die Füße einer alten Matrone. 

Und jenseits davon, wo der Honeywine sich zum Wispernden Sund ausweitete, erhob sich Hightower, der Hohe Turm, mit seinen Leuchtfeuern hell vor der Dämmerung. Von seinem Standort auf den Felsen von Battle Island aus durchschnitt sein Schatten die Stadt wie ein Schwert. Wer in Oldtown geboren war, konnte anhand des Schattens die Tageszeit erkennen. Mancher behauptete sogar, von dort oben könnte man bis zur Mauer im Norden schauen. Vielleicht war Lord Leyton deshalb seit über einem Jahrzehnt nicht mehr heruntergestiegen, sondern zog es vor, seine Stadt aus den Wolken zu regieren. 

Der Karren eines Fleischers polterte an Pate vorbei die Flussstraße entlang; auf der Ladefläche quiekten fünf verängstigte Ferkel. Als Pate auswich, entging er knapp einem Unglück, als aus einem Fenster über ihm eine Frau den Nachttopf leerte. Wenn ich Maester in einer Burg werde, bekomme ich ein Pferd, auf dem ich reiten kann, dachte er. Dann stolperte er über einen Pflasterstein und fragte sich, wem er eigentlich etwas vormachte. Für ihn würde es keine Kette geben, keinen Platz am Tisch eines Hohen Lords, keinen großen Schimmel. Er würde seine Tage damit verbringen, dem Krächzen der Raben zu lauschen und die Kotflecken aus Erzmaester Walgraves Unterwäsche zu schrubben. 

Er hatte sich auf ein Knie gestützt und versuchte, den Dreck von seiner Robe zu reiben, als jemand sagte: »Guten Morgen, Pate.« 

Der Alchimist stand über ihm. 

Pate erhob sich. »Der dritte Tag … Ihr habt gesagt, Ihr würdet zum Federkiel und Fässchen kommen.« 

»Du warst mit deinen Freunden zusammen. Ich wollte mich deinen Gefährten nicht aufdrängen.« Der Alchimist trug einen Reisemantel mit Kapuze, braun und unscheinbar. Die Sonne spähte hinter seinen Schultern über die Dachfirste, daher ließ sich sein Gesicht nur schwer erkennen. »Hast du dich entschieden, was du bist?« 

Warum zwingt er mich, es auch noch auszusprechen? »Ich denke, ich bin ein Dieb.« 

»Das habe ich mir schon gedacht.« 

Der schwierigste Teil hatte darin bestanden, die Schatulle unter Erzmaester Walgraves Bett hervorzuziehen, nachdem sich Pate auf Hände und Knie niedergelassen hatte. Die Kiste war stabil gebaut und mit Eisen verstärkt, doch das Schloss war aufgebrochen. Maester Gormon hatte Pate verdächtigt, es geöffnet zu haben, doch das stimmte nicht. Walgrave hatte das Schloss selbst aufgebrochen, nachdem er den Schlüssel dafür verloren hatte. 

Im Inneren entdeckte Pate einen Beutel mit Silberhirschen, eine blonde Haarlocke, die von einem Band zusammengehalten wurde, die gemalte Miniatur einer Frau, die Walgrave ähnelte (bis hin zum Schnurrbart) und den stählernen Handschuh eines Ritters. Der Handschuh hatte einem Prinzen gehört, behauptete Walgrave, konnte sich jedoch nicht mehr erinnern, welchem. Als Pate ihn schüttelte, fiel der Schlüssel heraus und landete auf dem Boden. 

Wenn ich den nehme, bin ich ein Dieb, hatte er gedacht. Der Schlüssel war alt und schwer und aus schwarzem Eisen gefertigt; vermutlich konnte man damit jede Tür in der Citadel öffnen. Nur die Erzmaester verfügten über solche Schlüssel. Die anderen trugen die ihren am Leibe oder verbargen sie an einem sicheren Ort, doch wenn Walgrave seinen versteckt hätte, wäre er niemals wieder zum Vorschein gekommen. Pate nahm den Schlüssel an sich und war schon halb an der Tür, als er umkehrte und sich auch das Silber holte. Ein Dieb war ein Dieb, ob er nun wenig oder viel stahl. »Pate«, rief ihm einer der weißen Raben hinterher, »Pate, Pate, Pate.« 

»Habt Ihr meinen Drachen?«, fragte er den Alchimisten. 

»Wenn du hast, was ich verlange.« 

»Gebt ihn her. Ich will ihn sehen.« Pate hatte nicht vor, sich betrügen zu lassen. 

»Die Straße hier am Fluss ist nicht der richtige Ort dafür. Komm mit.« 

Ihm blieb keine Zeit, darüber nachzudenken und seine Möglichkeiten abzuwägen. Der Alchimist ging davon. Pate musste ihm folgen, oder er würde sowohl Rosey als auch den Drachen für immer verlieren. Also trabte er hinterher. Er schob die Hände in die Ärmel. Dort fühlte er den Schlüssel in einer verborgenen Tasche, die er eingenäht hatte. Die Roben der Maester waren voller Taschen. Das wusste er schon, seit er noch ein Knabe gewesen war. 

Er musste sich beeilen, um nicht hinter dem Alchimisten mit seinen längeren Schritten zurückzubleiben. Sie gingen eine schmale Straße entlang, bogen um eine Ecke, überquerten den alten Markt der Diebe und folgten der Lumpensammlergasse. Schließlich wandte sich der Mann einer weiteren Gasse zu, die noch enger war. »Das genügt«, sagte Pate. »Niemand ist in der Nähe. Wir machen es hier.« 

»Wie du wünschst.« 

»Ich will meinen Drachen.« 

»Gewiss.« Die Münze erschien. Der Alchimist ließ sie über seine Fingerknöchel wandern, wie schon vor drei Tagen, als Rosey die beiden miteinander bekannt gemacht hatte. Im Morgenlicht glitzerte der Drache bei jeder Bewegung und verlieh den Fingern des Alchimisten einen goldenen Schein. 

Pate schnappte sie ihm aus der Hand. Das Gold fühlte sich warm an. Er nahm es in den Mund und biss zu, wie er es bei anderen Männern gesehen hatte. Um die Wahrheit zu sagen, wusste er nicht, wie Gold schmecken sollte, aber er wollte nicht wie ein Narr aussehen. 

»Der Schlüssel?«, verlangte der Alchimist höflich. 

Aus irgendeinem Grunde zögerte Pate. »Wollt Ihr Euch ein Buch holen?« Von einigen der alten valyrischen Schriftrollen, die in den Gewölben verschlossen waren, sagte man, es handele sich um die letzten vorhandenen Abschriften in der ganzen Welt. 

»Was ich will, geht dich nichts an.« 

»Nein.« Es ist geschafft, redete sich Pate ein. Geh einfach. Lauf zurück zum Federkiel und Fässchen, weck Rosey mit einem Kuss, und sag ihr, sie würde dir gehören. Dennoch verweilte er. »Zeigt mir Euer Gesicht.« 

»Wie du wünschst.« Der Alchimist schlug seine Kapuze zurück. 

Er war einfach nur ein Mann, und sein Gesicht war einfach nur ein Gesicht. Es war das Antlitz eines jungen Mannes, gewöhnlich, mit vollen Wangen und dem Schatten eines Bartes. Schwach sichtbar zog sich eine Narbe über die rechte Wange. Der Mann hatte eine Hakennase und dichtes schwarzes Haar, das sich um die Ohren lockte. Pate erkannte dieses Gesicht nicht. »Ich kenne dich nicht.« 

»Ich dich auch nicht.« 

»Wer bist du?« 

»Ein Fremder. Niemand. Wirklich.« 

»Oh.« Pate gingen die Worte aus. Er zog den Schlüssel hervor und legte ihn dem Fremden in die Hand, wobei ihm ein wenig benommen zumute war, fast schwindelig. Rosey, erinnerte er sich. »Damit wäre die Sache abgemacht.« 

Er hatte die Gasse schon halb hinter sich gebracht, als sich die Pflastersteine unter seinen Füßen zu drehen begannen. Die Steine sind glatt und nass, schoss es ihm durch den Kopf, doch daran lag es nicht. Er spürte, wie sein Herz in der Brust klopfte. »Was ist los?«, fragte er. Seine Beine verwandelten sich in Wasser. »Ich verstehe das nicht.« 

»Das wirst du auch nie«, sagte eine Stimme traurig. 

Die Pflastersteine schnellten ihm zum Kuss entgegen. Pate wollte um Hilfe schreien, doch nun versagte auch seine Stimme. 

Sein letzter Gedanke galt Rosey. 


midi to mp3   pdf-to-jpg.org   flash-map-shop.com